Träume um Sankt Petersburg

Galerie für Kulturkommunikation, 5. Oktober 2012

Träume um Sankt Petersburg – zum Laterna-Magica Projekt von Rainer Strzolka

Gebäudestrukturen, die sich ins Unkenntliche verzerren, inmitten in der Metropole von Sankt Petersburg. Wechselspiele von Licht und Dunkelheit: die Alexandersäule verschwimmt durch eine dynamische Bewegung, der Schlossplatz verliert all seinen profanen Charakter. Die Historie aufgehoben. Kein Napoleon! Der Sieg des Zaren Alexanders und seiner Armee über den französischen Eindringling, verschwindet in eine Nichtigkeit. Unwichtig. Belanglos. Denn nirgends ist in den Aufnahmen von Rainer Strzolka auch nur die kleinste Empfindung des historischen, alten Sankt Petersburg zu spüren. Er raubt den Plätzen ihren historischen Charakter.

Hingegen ersetzen starke Kontraste, Einwirkungen an Impressionen: schwarz-weiß, selbst farblich: rot, magenta, blau, das traditionelle Verfahren der analogen Fotografie. Rainer Strzolka offenbart im formlos wirkenden Umgang sein ganzes Können mit dieser Art von Kunst. Eine einfache Handkamera, keine großartige Technik, ein geniales Auge verbunden mit der expressionistischen Aussagekraft seiner Bilder nehmen den Betrachter auf eine atemberaubende Reise mit.

Indessen taucht die Frage auf: Welche Botschaft will Strzolka dem Betrachter eigentlich vermitteln? Was bedeutet die aufgeklappte Newabrücke, die nur in den nächtlichen Stunden hochgeklappt wird? Zeigt seine abstrakte, neuzeitliche Kunst mitunter eine Wirklichkeit, deren Existenz wir leugnen, hernach verneinen, deren Wahrnehmung unweigerlich eine Möglichkeit bildet, Sankt Petersburg durch phantastische Augen neu zu entdecken? Inhalte einer unreflektierten Phantasie? Und urplötzlich: eine Mutter mit ihrem Kind, vor einem Monument stehend. Übergroß das Monument, sie und ihr Kleines, absolut winzig.

Anmutige romanische, sakrale Bauten mit ihren Rundbögen stechen hervor. Die Erotik einer Skulptur, direkt im Fluchtpunkt in einer Säulenreihe angeordnet, verstärken diese Art einer transzendenten Aufnahmekunst, in einer immanenten Lebenswirklichkeit. Die verkörpert die heutige Lebenswirklichkeit dieser russischen Metropole: materiell, religiös, wachsend und auf der Suche nach der eigenen Identität.

Gerade diese Polarität in seinen Aufnahmen, das religiös Suchende, die verruchte Erotik stellt gleichsam die Frage: Gibt es im Chaos, im Wechselspiel gegensätzlicher Aufnahmen eigentlich eine höhere Ordnung, einen phantastischen oder gar einen realistischen Ordnungssinn, eine Art Zufluchtsstätte, um aus der aufregenden Reise seiner Fantasiewelt, mit seinen farbenreichen Kontrasten, dem Betrachter eine Erholung zu gönnen?

Rainer Strzolka
Träume um St. Petersburg.
Katalog einer Installation.
Berlin: Simon-Verlag für Bibliothekswissen 2012
ISBN 978-3-940862-55-6
15 Euro.
Bezug über den Buchhandel, über Amazon oder direkt über den Verlag
http://www.simon-bw.de/de/contact.html


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