PISA ist keine "Schulleistungsstudie" - Im Jahr 2000, als die erste PISA-Studie erschien, haben sie nach einer erste Schrecksekunde alle munter drauflos gequatscht. Ihre Kenntnisse bezogen sie aus zweiter, dritter, vierter Hand. Den ganzen, genau einen Kilo schweren Wälzer selber lesen? Dafür hat deutsche Lesekompetenz nicht gereicht. PISA fragt nicht schulische Kenntnisse ab. Es ging um das Erfassen von "Kompetenzen zur Welterschließung": das Vermögen, sich von der Welt ein 'Bild' zu machen und sich darin zurecht zu finden! Dabei spielt Faktenwissen gewiss eine Rolle.
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PISA ist keine "Schulleistungsstudie"

2007/12/05 16:01

Pressemeldung von:
Jochen Ebmeier
Im Jahr 2000, als die erste PISA-Studie erschien, haben sie nach einer erste Schrecksekunde alle munter drauflos gequatscht. Ihre Kenntnisse bezogen sie aus zweiter, dritter, vierter Hand. Den ganzen, genau einen Kilo schweren Wälzer selber lesen? Dafür hat deutsche Lesekompetenz nicht gereicht. PISA fragt nicht schulische Kenntnisse ab. Es ging um das Erfassen von "Kompetenzen zur Welterschließung": das Vermögen, sich von der Welt ein 'Bild' zu machen und sich darin zurecht zu finden! Dabei spielt Faktenwissen gewiss eine Rolle. Es kommt es darauf an, was man im Leben damit anfängt.
PISA ist keine "Schulleistungsstudie"
depressives Klassenzimer


Bei der Entwicklung von 'Kompetenzen' spielt die Schule offenbar auch eine Rolle. Aber nicht die einzige und nicht einmal die Wichtigste. Die große Weichenstellung leistet das kulturelle Umfeld, in die ein Mensch hineingeboren wurde. Ist es reich, ist es dürftig; ist es anregend, ist es langweilend; ist es rückwärts gewandt und selbstbezogen, oder ist es optimistisch und blickt erwartungsvoll in die Zukunft? In diese Behausung sind die Schulen selber eingebettet. Ein erhellender Fall ist das Abschneiden BELGIENs in der Studie von 2000. Damals belegte es den elften Platz. Doch Belgien hat eine föderale Verfassung. Flandern und Wallonien wurden auch separat erfasst. Da lag der flämische Landesteil auf Platz drei, aber der wallonische Teil nur auf Platz fünfundzwanzig - mit demselben Schulsystem!

Die Schule hat sich in beiden Landesteilen seit der Regionalisierung in ihren Organisationsformen nicht geändert. Sie kann nicht schuld sein. Vielmehr war Wallonien Jahrhunderte lang der wirtschaftlich, politisch und kulturell entwickeltere Landesteil und der Born belgischer Identität. Es wurde geprägt von einer liberalen Großbourgeoisie und einer sozialistischen Arbeiterbewegung. Wallonien hieß Industrie und Fortschritt. Flandern war sein ländlich-klerikal-bornierter Hinterhof. Das hat sich seit der Stahlkrise der Siebziger radikal umgekehrt. Wallonien steht für Niedergang, Arbeitslosigkeit und Vorgestern. Das jungfräuliche Flandern hat die Zukunft für sich entdeckt und glaubt an die Neuen Technologien. In keinem Berufsstand spricht sich aber der Zeitgeist so unverhohlen aus wie in der Lehrerschaft. Und in keiner Altersgruppe so lautstark wie bei den Fünfzehnjährigen. Die hat PISA geprüft.

Was den Belgiern ihr Wallonien, ist uns Deutschen das Ruhrgebiet, und unser Flandern heißt Bayern und Württemberg. Mit dem Parteibuch der jeweiligen Kulturminister dürfte die Rangordnung bei uns weniger zu tun haben als mit unserer kulturellen Geschichte. Die eben veröffentlichten neuen PISA-Daten ergeben für Deutschland eine minimale Verbesserung, die innerhalb der statistischen Fehlermarge liegt. Es gibt keinerlei Anlass, gegenüber 2000 die Bewertung um ein Jota zu ändern. Mehr siehe unter:
groups.google.de/group/jochenebmeierpisa?hl=de



Kontakt zum Autor des Artikels:
web: http://www.jochen-ebmeier.de
 

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