Saudiarabien: Sex-Kassetten werben für den „Heiligen Krieg“
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Pressemeldung von:
Lothar Mack
Audio-Kassetten in Saudi-Arabien locken die Jugendlichen mit sexuellen Jenseits-Versprechungen für den Dschihad – eine billige Kompensation menschlicher Bedürfnisse in konservativen arabischen Gesellschaften, meint ein Kolumnist in einer saudischen Tageszeitung.
In der Zeitung Al-Iqtisadiyya kritisierte der saudische Wissenschaftler und Kolumnist Sa’ad Al-Sowayan das riesige Angebot religiöser Audio-Kassetten im Lande. Vor allem junge Männer werden damit zum Dschihad aufgerufen werden. Denn im Jenseits locken „paradiesischen Jungfrauen mit ihren schönen grossen
Augen“. Das religiöse Ziel der Ausbreitung des Islam wird damit gegen das mystische der persönlichen Lust eingetauscht, kritisiert Al-Sowayan.
Die Probleme der Araber mit dem anderen Geschlecht seien dringlicher als die des Terrorismus, schrieb er in der Ausgabe vom 15. November. Der Artikel erschien auf englisch auch in der Saudi-Gazette vom 17. November 2005. Im Folgenden werden Auszüge auf deutsch wiedergegeben. Dschihad als Geisteszustand „Die Zahl der Geschäfte, in denen man religiöse Kassetten kaufen kann, ist so gross, dass sie nur von der der Lebensmittelgeschäfte übertroffen wird. (...) Der Grossteil der Tapes, die man in diesen Geschäften kaufen kann, ist interessant. Wenn man allerdings genau hinschaut, stellt man fest, dass sie sich darauf konzentrieren, Jugendliche dahin zu bringen, ihre Ideen und ihr Dschihadprogramm zu übernehmen. Diese Kassetten drängen meist zum bewaffneten Dschihad, ohne genauer zu sagen, wann oder wo. Sie treten für einen Dschihad um des Dschihads Willen ein. Es handelt sich um eine Mobilisierungskampagne, in der der Dschihad zu einer Art Geisteszustand und Lebenshaltung wird. Die Lust tritt an die Stelle Allahs „Der moderne Märtyrer reduziert auf diese Weise das erhabene Ziel des spirituellen Martyriums auf einen Dschihad, dem es um Lust, äusserstes Vergnügen und einen Nirwana-artigen Rauschzustand geht, (...) auf einen blossen Akt der Lust, auf eine egoistische Suche nach sexueller Befriedigung, die vollkommen davon absieht, worauf das Märtyrertum eigentlich im Dienste der Allgemeinheit und für die Erhaltung von Gottes Wort abzielt. Mit den Aufforderungen, das irdische Leben aufzugeben und sich auf ein Jenseits vorzubereiten, in dem der Märtyrer belohnt wird, sollen die Kassetten den Verstand so programmieren, dass das Konzept vom Selbstmord und Sich-in-die-Luft-jagen als (islamisches) Prinzip anerkannt wird. Wer davon überzeugt ist, dass sexuelle Lust als Belohnung auf ihn wartet, wird nicht zögern, Selbstmord zu begehen: In Erwartung der Freuden des Jenseits als Kompensation für die aufgegebenen diesseitigen Freuden sucht er ohne Furcht den Tod. Ventil für sexuelle Unterdrückung Das Verführerischste für Teenager ist nun einmal Sex. Das gilt besonders in konservativen Gesellschaften wie den unseren. Und genau an diese Jugendlichen, für die der Sex eine so wichtige Rolle spielt, richtet sich der Diskurs der religiösen Kassetten. Sie sprechen die Jugendliche auf dem Weg über die paradiesischen Jungfrauen an, genau wie Jugendliche heutzutage auch durch Fotos von Schauspielerinnen oder Popsängerinnen angesprochen werden. Ist es da nicht angebracht, die sexuelle Unterdrückung in unseren konservativen Gesellschaften als einen der Faktoren zu betrachten, die zu solchen Verirrungen führen? Niemals hört man sie auf den Kassetten über die wesentlichen weltlichen Probleme sprechen. Das einzige Reformprojekt, das sie anzubieten haben, liegt im Jenseits. Sie reden so, als ob nicht unser gnädiger und barmherzige Gott, sondern sie selbst den Schlüssel zum Paradies in der Hand hätten. Und sie bieten ein magisches Rezept an, mit dem man an ihrem Projekt im Jenseits teilnehmen kann: sich selbst in die Luft zu sprengen. „Probleme mit dem anderen Geschlecht“ vorrangig Zuerst teilen sie (diese Kassetten) die Welt in zwei Lager: das eine, zu dem man selbst gehört, ist das Lager Gottes, und das andere ist das Lager Satans, das man bekämpft. Danach wird man in eine Welt des mythischen Denkens gezogen, in der das rationale Denken abgeschaltet wird und der Verstand in Suggestionen und Irrationalität versinkt. Aber vielleicht ist das Phänomen von Gotteskriegern, die das Märtyrertum suchen, um zu den paradiesischen Jungfrauen zu gelangen, ja nur das Symptom einer tief in unserer Gesellschaft verwurzelten und das ganze kulturelle System verheerenden Krankheit. Die Krankheit, die ich meine, ist die sexuelle Phobie, unter der die arabische Kultur leidet. Bevor die Araber ihre Probleme mit ihren Regierungen und die Regierungen ihre Probleme mit dem Terrorismus lösen können, müssen sie erst ihre Probleme mit dem anderen Geschlecht lösen.“ Weiterführende Links: Hoffnung für Saudi-Arabien Per Handy den Islam-Wächtern trotzen
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