Tagung zu Esoterik: "Ozeanische Gefühle" - Nicht ohne Berechtigung wird die Esoterik als "neue Weltreligion" bezeichnet. Denn sie hat sich als Haltung zu Welt, Selbst und Sinn in Europa dauerhaft festgesetzt und beherrscht nach wie vor einen Teil des Buch-, Weltanschauungs- und Gesundheitsmarktes. Die Katholische Arbeitsgruppe "Neue Religiöse Bewegungen" hat am 21. Januar in Zürich mit der Paulus-Akademie eine Tagung durchgeführt, an der über Herkunft, Gemeinsamkeiten und Faszination esoterischer Lehren und Praktiken informiert und diskutiert wurde. In einem ersten Schritt wurde nach den Quellen der Esoterik gefragt.
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Tagung zu Esoterik: "Ozeanische Gefühle"

2006/01/27 09:36

Pressemeldung von:
Rolf Weibel
Nicht ohne Berechtigung wird die Esoterik als "neue Weltreligion" bezeichnet. Denn sie hat sich als Haltung zu Welt, Selbst und Sinn in Europa dauerhaft festgesetzt und beherrscht nach wie vor einen Teil des Buch-, Weltanschauungs- und Gesundheitsmarktes.

Die Katholische Arbeitsgruppe "Neue Religiöse Bewegungen" hat am 21. Januar in Zürich mit der Paulus-Akademie eine Tagung durchgeführt, an der über Herkunft, Gemeinsamkeiten und Faszination esoterischer Lehren und Praktiken informiert und diskutiert wurde.

In einem ersten Schritt wurde nach den Quellen der
Tagung zu Esoterik: "Ozeanische Gefühle"
Schaufenster einer esoterischen Buchhandlung
Esoterik gefragt. Viele esoterische Bewegungen und Gruppierungen, besonders ausgeprägt der Alte Mystische Orden vom Rosenkreuz, führen ihr Wissen auf ein geheimes Wissen des Alten Ägypten zurück.

Auf antike Deutungen gestützt, nicht auf die Texte selbst
Erik Hornung, emeritierter Professor für Ägyptologie an der Universität Basel, zeigte jedoch auf, dass sich die esoterischen Lehren auf antike Deutungen des Alten Ägypten und nicht auf die ältesten Originaltexte stützen. Die dem Pharao vorbehaltenen und deshalb wirklich esoterischen Pyramidentexte wurden erst im 20. Jahrhundert auf Englisch übersetzt; in deutscher Übersetzung liegt erst ein Teil vor.

Esoterik – ein Begriff von 1828
Im 19. Jahrhundert wurden nicht nur die ägyptischen Hieroglyphen entziffert und erstmals Texte des alten Indien in europäische Sprachen übersetzt. 1828 wurde auch der Begriff "Esoterik" geprägt und seit 1854 regelmässig verwendet, wie der Religionslehrer Erik Dilloo-Heidger in seiner Darstellung der neuzeitlichen Wurzeln dieser bunten Religion ausführte.

Mitte des 19. Jahrhunderts wollte der fromme Eliphas Lévi (Alphonse-Louis Constant, 1810–1872) die Möglichkeit der biblischen Wunder als Magie erklären; über die jüdische Kabbala hoffte er, letztlich an ägyptisches Wissen zu kommen.

Die Einführung indischer Elemente in die Esoterik durch die Gründerin der Theosophischen Gesellschaft, Helena Petrowna Blavatsky (1831–1891), bedeutet für Erik Dilloo-Heidger einen Paradigmenwechsel; der Übergang zu satanistischen Praktiken durch Edward Alexander (Aleister) Crowley (1874–1947) einen Unfall.

Lehrhafte Gemeinsamkeiten?
Der Esoterik zugerechnet werden so unterschiedliche Strömungen wie Okkultismus, Rosenkreuzerei, hermetische Gesellschaften, Theosophie, Anthroposophie, Golden Dawn. Können quer durch diese vielgestaltige esoterische Welt Gemeinsamkeiten lehrhafter Art festgestellt werden?

Für den Historiker Christian Ruch lässt die postmoderne Esoterik ein gnostisches Welt- und Menschenbild erkennen. Bekannt durch gnostisierende wie antignostische Texte des Neuen Testaments und neuerdings durch die gnostischen Schriften aus Nag Hammadi (Ägypten) eignet der Gnosis ein dualistisches Menschenbild mit Vorstellungen von Selbsterlösung. Gnostische Elemente seien durch die ganze europäische Geistesgeschichte hindurch bis heute festzustellen. Ein herausragendes heutiges Beispiel ist für Christian Ruch das Musiktheaterprojekt "Licht – Die sieben Tage der Woche" von Karlheinz Stockhausen.

Esoterik auf modernen Wellen
Neue Blicke auf die alte Esoterik haben die Religionswissenschaftler Antoine Faivre und Kocku von Stuckrad geworfen; Antoine Faivre nahm eine allgemeine Charakterisierungen esoterischer Sinnsysteme vor, die Kocku von Stuckrad kulturwissenschaftlich weiter entwickelte, wie an der Tagung der Theologe Joachim Valentin referierte. Für ihn führen aktuelle Tendenzen noch weiter; auch auf dem Feld der Esoterik wirke sich die fortschreitende Individualisierung, Pluralisierung und Medialisierung aus.

Die Esoterik folge denn auch zentralen Trends der Moderne. Mit den moderaten Traditionen der anderen monotheistischen Religionen hätten die Kirchen gegen die Esoterik das Bewusstsein der Differenz einzubringen, auch wenn sie unter anderer Rücksicht von ihr auch lernen könnte.

Kritische Rückfragen
Manche esoterischen Bewegungen beanspruchen, wie an der Tagung anhand von zwei Beispielen aufgezeigt wurde, zu Unrecht Wissenschaftlichkeit. Als Prähistorikerin zeigte Martina Schäfer auf, wie aus ideologischen Gründen Ergebnisse der Forschung verschwiegen und Unbewiesenes behauptet werden kann.

Im Nationalsozialismus wären die Herrschenden froh gewesen, die Frauenfiguren der Kornmütter aus der Schnurkeramikzeit als Vorbild für die deutschen Frauen hinstellen zu können; gefunden wurden diese Figuren aber im verachteten slawischen Raum, so dass darüber geschwiegen wurde. Anderseits wurden ohne prähistorische Funde Matriarchatstheorien entwickelt. Ein eigentlicher Fehltritt der Frauenbewegung ist für Martina Schäfer, dass Gewalt an Mädchen schon kulturell gerechtfertigt wurde.

Der an der Universität Zürich tätige Psychologe Dieter Sträuli zeigte auf, wie es dazu kommen konnte, dass in UFO-Kreisen rechts-radikale Verschwörungstheorien kursieren. Die Verknüpfungen von Theosophie und Ufologie sowie von Pseudowissenschaft und Verschwörungstheorie ermöglichte den Mythos der Nazi-Ufos: Deutschland habe mit einer überlegenen Technologie im Zweiten Weltkrieg Flugscheiben entwickelt; nach dem Krieg seien diese nach Neuschwabenland in der Antarktis überstellt worden; heutige UFO-Beobachtungen betreffen diese Flugscheiben.

Sehnsucht nach Erfahrung von Heil
Neben eher skurrilen und auch nicht ungefährlichen Vorstellungen und Praktiken zeigt sich in der Esoterik eine spirituelle Sehnsucht, auf die die Kirchen eine Antwort schuldig sind. Der Leiter der katholischen Arbeitsstelle "Neue Religiöse Bewegungen", Pfarrer Joachim Müller, sieht als Seelsorger in der Esoterik vor allem auch eine Suche nach Sinn, eine Sehnsucht nach Erfahrung von Heil, eine Sehnsucht nach Achtsamkeit, die eine Antwort brauche.

Die Kirchen müssten den Menschen ermöglichen, gegen den Trend von selbstgenügsamer Wellness auch mit den Wunden des Lebens in Berührung zu kommen. Der suchende Mensch brauche spirituelle Orte und eine spirituell kompetente Begleitung. Deshalb auch müsste der Esoterik wie anderen Religionen so begegnet werden, dass interreligiöses Lernen möglich werde.



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