Seltsame Allianzen im Heiligen Land: - Hamas biedert sich bei palästinensischen Christen an Bei den palästinensischen Parlamentswahlen am 25. Januar – den ersten seit 1996 – spielen die arabischen Christen die Rolle eines Züngleins an der Waage: So wenige auch geblieben sind: Die Entscheidung über ein Weiterregieren der Fatah in Ramallah oder einen Aufstieg der Hamas-Islamisten an die Führungsspitze wird weitgehend von ihren Stimmen abhängen. Im Heiligen Land haben die meisten Christen die Epiphanie (das Weihnachtsfest) eben erst am 18. Januar gefeiert: Am Jordan und in Bethlehem mit dem orthodoxen Patriarchen Theophilos III., der von Israel noch immer nicht anerkannt wird, und mit einem christlichen Bürgermeister, der nur mit Hilfe der Muslime gewählt ist.
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Seltsame Allianzen im Heiligen Land:

2006/01/25 09:30

Pressemeldung von:
Heinz Gstrein
Hamas biedert sich bei palästinensischen Christen an

Bei den palästinensischen Parlamentswahlen am 25. Januar – den ersten seit 1996 – spielen die arabischen Christen die Rolle eines Züngleins an der Waage: So wenige auch geblieben sind: Die Entscheidung über ein Weiterregieren der Fatah in Ramallah oder einen Aufstieg der Hamas-Islamisten an die Führungsspitze wird weitgehend von ihren Stimmen abhängen.

Im Heiligen Land haben die meisten Christen die Epiphanie (das Weihnachtsfest) eben erst am 18. Januar gefeiert: Am Jordan und in Bethlehem mit dem
Seltsame Allianzen im Heiligen Land:
Ramallah
orthodoxen Patriarchen Theophilos III., der von Israel noch immer nicht anerkannt wird, und mit einem christlichen Bürgermeister, der nur mit Hilfe der Muslime gewählt ist.


Islamische Herrschaft das geringere Übel?
Immer mehr herrscht bei den palästinensischen Christen die paradoxe Situation, dass sie sogar eine islamische Herrschaft dem Fortdauern der israelischen Besatzung in Ostjerusalem und weiten Teilen des Westjordanlandes vorziehen – wie inzwischen auch für immer mehr Israelis der einstige radikale Aussenseiter Ariel Sharon zum Symbol eines Friedens in Sicherheit wurde, seit er auf der Intensivstation des Hadassah-Spitals in Jerusalem liegt.

Eine ähnliche Entwicklung nimmt nun im Vorfeld dieser Palästinenserwahlen die 1987 von palästinensischen Muslimbrüdern gegründete „Islamische Widerstandsorganisation“ (Hamas). Sie hat sich bereits bei den Gemeindewahlen Ende 2005 politisch überraschend stark durchgesetzt. Das nicht nur in ihren Hochburgen im Gazastreifen: Gerade im Westjordanland, wo bisher die national-weltliche Fatah dominierte, sind der Hamas empfindliche Einbrüche gelungen, in Nablus sogar mit einer starken Mehrheit von 80%.


Hamas taktiert…
Darauf folgte inzwischen die zweite Überraschung: Die Islamisten verbündeten sich mit Gemeinderäten von der palästinensischen Linken und sogar mit Christen. Bethlehems christlicher Bürgermeister, der Arzt Victor Batarseh, wurde nur dank Unterstützung der Hamas in seinem Amt bestätigt. In Ramallah, der provisorischen „Hauptstadt“ von Präsident Abbas, war dessen Fatah die relativ stärkste Fraktion geblieben. Sie brachte ihren Bürgermeister Ghazi Hanania aber nicht mehr durch: Die drei Stadträte von Hamas wählten zusammen mit der Volksfront für die Befreiung Palästinas die Christin Jeanette Khouri.


…und profitiert von der Unzufriedenheit
Lang hatte die Hamas mit ihrer ebenso sozialen wie militanten Ausrichtung neben radikalen Muslimen hauptsächlich Protestwähler angezogen: Die Fatah-Administration machte sich wegen ihrer Gewaltherrschaft und Korruption schon unter Arafat in den Palästinensergebieten zunehmend Feinde. Das geht auch unter Mahmud Abbas weiter.


Mehrheit verloren: Christen in Bethlehem…
Dazu kommt jetzt die Entwicklung der lang als Terroristen-Bande abgetanen Hamas zu einer konstruktiveren Kraft, die am 25. Januar für breite Kreise – auch für palästinensische Christen – wählbar ist. Gerade sie haben an die Herrschaft der Fatah unter Arafat und Abbas fast nur bittere Erinnerungen, besonders in Bethlehem: Noch 1990 machten dort orientalische und römische Katholiken mit Orthodoxen, Lutheranern und anderen evangelischen Christen zwei Drittel der Bevölkerung aus.


…durch jahrelange Diskriminierung und Erpressung geschwächt
Aber vor dem gerade für Bethlehem katastrophalen Jahr des zweiten Intifada-Aufstands der Palästinenser 2002 waren sie nur mehr ein Fünftel; inzwischen ist ihre Zahl weiter gesunken. Die Gesamtzahl von Christen verschiedener Konfession unter den drei Millionen Arabern von Gaza, dem Westjordanland und Ost-Jerusalem beträgt heute nicht einmal mehr zwei Prozent.

Das hängt in erster Linie mit der christenfeindlichen Politik im bisher von der Fatah kontrollierten Apparat der palästinensischen Selbstverwaltung zusammen: Christen werden am Arbeitsmarkt diskriminiert und gezielt aus öffentlichen Ämtern entfernt, gerade in Bethlehem. Darüber hinaus breiten sich der Boykott christlicher Geschäfte und Schutzgelderpressungen durch Fatah-Funktionäre aus. Schon Arafat hat Christen den Erwerb neuer Grundstücke und den Weiterverkauf ihrer alten Immobilien an Nichtmuslime verboten.


„Abbas bekämpft die Korruption nicht“
Die Sprecherin der christlichen Frauen von Bethlehem, Faten Mukarker, schreibt in ihrem jetzt auch auf Deutsch erschienenen Buch ‚Leben zwischen Grenzen’: „Die Hamas gewinnt nicht, weil die Menschen extrem sind, die sie wählen, sondern weil die regierende Partei die Menschen enttäuscht hat.“

Auch der Übergang von Arafat zu Abbas habe den Menschen nichts gebracht, schreibt Mukarker: „Abbas hat die bisherigen Fatah-Politiker mit ihren Phrasen nicht abgesetzt, und er bekämpft auch nicht die Korruption. Und da kommt die Hamas mit ihrem sozialen Netz: Sie haben Krankenhäuser, sie haben Kindergärten, all das, was die Autonomiebehörde den Menschen nicht bieten kann!“


Nach den Wahlen
Am 25. Januar kann die Hamas auf Anhieb daher mit gut einem Drittel der palästinensischen Stimmen rechnen. Wenn es ihr noch gelingt, die Zusammenarbeit mit der Linken und den Christen von der kommunalen Ebene ins Parlament zu übertragen, ergäbe das eine durchaus regierungsfähige Koalition.

Dabei ist vor allem an die progressive „Alternative“ oder an die Waad-Partei für Recht und Demokratie zu denken. Mit beiden sind christliche Kandidatinnen und Kandidaten als Unabhängige liiert. Ihnen haben die vom Weltkirchenrat organisierten Ökumenischen Friedensdienste im Heiligen Land und die jüngste Solidaritätsreise von Vertretern der katholischen Bischofskonferenzen aus Europa und Amerika nach Jerusalem, Ramallah und Amman rechtzeitig den Rücken gestärkt.

Keine Schulterschlüsse mit den Islamisten, wenn auch mit der palästinensischen Linken, gibt es bei den arabischen Christen im Staat Israel. Sie haben nicht vergessen, dass es in erster Linie Leute von Hamas waren, die ab 1997 der Verkündigungsbasilika in Nazareth eine Moschee vor die Tür zu setzen versuchten.


Waffenstillstand
Wo die Hamas-Charta noch Israels Vernichtung fordert und den Holocaust leugnet, unterscheidet sie sich nicht von dem, was Fatah und PLO bis 1988 vertreten hatten. Eine praktische Abkehr vom Heiligen Krieg gegen alles Jüdische hat Hamas schon letztes Jahr mit dem von ihr akzeptierten und auch eingehaltenen Waffenstillstand bewiesen. Ebenso liess die Hamas ihre ursprüngliche Forderung nach einem Jerusalem und Palästina nur für Muslime – also auch ohne Christen – fallen. Sogar israelische Analytiker schliessen daher nicht mehr aus, dass sich die „Islamische Widerstandsbewegung“ neben der Fatah zu einer respektablen parlamentarischen Kraft entwickelt und früher oder später sogar an die Spitze rückt.



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